Allez la Stammtisch!
RUNNING - Das Laufmagazin am 26.06.2009 - 16:02 Uhr
Wer einen Kleidersack erstehen wollte, konnte am Sonntagmorgen des 05.04.2009 noch schnell rechts neben der Startzone zu Louis Vuitton huschen, denn schließlich waren an diesem Tag zu Ehren des 33. Paris Marathons die Boutiquen und Flagship-Stores weltberühmter Edelmarken auf der Avenue des ChampsÉlysées geöffnet. Es ist aber nicht überliefert, ob sich tatsächlich einer der rund 37.000 Starter für ein Täschchen aus dem Hause Vuitton begeistern konnte. Letztendlich war der Adrenalinspiegel in gespannter Erwartung auf den Startschuss aufgeputschter als er dies bei irgendeinem Kaufrausch sein könnte.
Dort also, wo jährlich an einem Sonntag im Juli die besten Radsprinter der Welt um das Grüne Trikot kämpfen, setzten sich – etwas langsamer als die Sportskameraden auf zwei Reifen – über 70.000 Beine in Bewegung und rollten die mondäne Prachtstraße unter dem Jubel mehrerer tausend Zuschauer herunter. Vor dem Start wird bereits vor einem zu schnellen Anfangstempo gewarnt – in Französisch, Englisch, Spanisch und leicht gebrochenem, aber mit Pariser Charme aufgewertetem Deutsch.
Streckenrekord
Den Marathonis tat anfängliche Zurückhaltung gut, denn der Kurs bestand zu 42,195 Kilometer aus einer Sightseeing-Tour der Extraklasse: Hotel de Ville, Bastille, Château de Vincennes, Notre Dame, Eiffelturm, Trocadero, um nur einige der Highlights zu nennen, die es auf dem Rundkurs zu besichtigen galt. Dazu strahlte die Sonne bei Temperaturen bis maximal 16 Grad und einem nur lauen Lüftchen – ideale Voraussetzungen für Rekordjagden. Eine solche legte dann auch der Sieger Vincent Kipruto aus Kenia in 2:05:47 Stunden hin: Streckenrekord! Bei den Frauen schaffte es Atsede Bayisa aus Äthiopien mit einer Zeit von 2:24:42 Stunden ganz oben auf das Podest.
Die Stadt ist der Star
Die ostafrikanische Phalanx dürfte weder Augen für die Schönheit der Architektur noch für das saftig-frische Grün der Bäume und die Blütenpracht gehabt haben, die dem deutschen Lauf-Touristen nach einem langen, harten Winter hierzulande so gut taten. Doch für Otto-Normal-Jogger waren es gerade diese Eindrücke, die den Event in der französischen Hauptstadt zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließen. Positiv wirkte sich auch das gute Streckennetz der Pariser U-Bahn „Metro“ aus, mit der die Teilnehmer sehr entspannt bis zum Startbereich und bereits an drei Tagen zuvor die Marathon-Messe besuchen und ihre Startunterlagen in Empfang nehmen konnten.Wer frühzeitig seine Startnummer abholte, war auf jeden Fall im Vorteil, denn ab Samstag halb zwölf Uhr wurde es mächtig voll, und es bildeten sich bereits im Außenbereich der Messehallen lange Schlangen! Zweifellos ein Hingucker war die anlässlich des Paris Marathons eigens gestaltete Paris-Kollektion des Hauptsponsors Asics, der von der Laufkappe über das Funktions-Shirt bis hin zum Laufschuhmodell Nimbus alles für den Fan und Sammler aufbot.
Immer mehr ist nicht immer besser
37.000 Startplätze, die bereits im November, gute vier Monate vor der Veranstaltung, vergeben waren – damit rangiert der Paris-Marathon unter den ganz großen der Welt und muss in einem Atemzug mit New York, London und Berlin genannt werden. Doch scheint mit dieser Teilnehmerzahl das Limit mehr als erreicht. Läufer mit Zielzeiten von 3:30 bis 4:30 Stunden mussten mehr als einmal unfreiwillige Gehpausen an Nadelöhren der Strecke einlegen – fast so wie bei einer Baustelle am Frankfurter Kreuz, wenn es sich von vier auf zwei Fahrspuren verengt. Als zweiter organisatorischer Mangel müssen die Getränke an den Verpflegungsstationen genannt werden: Iso-Getränke gab es erst bei Kilometer 35, zu spät, um vom Körper noch resorbiert zu werden. Sonst gab es nur Wasser, das einen Natriumgehalt von 2,7 Milligramm pro Liter aufwies, ein gutes Rehydrationsgetränk sollte davon 400 Milligramm haben. Und da aller guten oder manchmal auch weniger guten Dinge drei sind: Nur wenige Pissoirs direkt im Startbereich, keine geschlossenen Toilettenboxen. Männer verrichteten zum Teil ihre Notdurft in Flaschen, Frauen direkt im Hocken im Startblock.
Multikulturelle Stimmung
200.000 Zuschauer an der Strecke registrierte der Veranstalter. Diese drängten sich im Wesentlichen im Anfangs und im Mittelteil der Strecke. Vor dem Ziel wurde es erst nach dem 41. Kilometer wieder voller, allerdings standen hier die Betrachter etwas uninspiriert und mussten von den Läufern zum Jubel animiert werden. Hier könnten die Pariser Nachhilfe in Hamburg oder Berlin nehmen. Dafür kam im Mittelteil, der durch einige Unterführungen erschwert wurde, regelrechte Tour-de-France-Atmosphäre auf. Ein tolles Gefühl vermittelte der Marathon als Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen und Nationen. So versuchte eine deutsche, weibliche Fangruppe den deutsch-französischen Brückenschlag über ein Transparent mit der Aufschrift „Allez la Stammtisch“ herzustellen.Wer nachmittags dann noch Kraft genug hatte, konnte die Stufen von Sacré Coeur emporsteigen und sich von oben noch einmal anschauen, was er zuvor geleistet hatte. À bientôt Paris!
Quelle: RUNNING - Das Laufmagazin